FCP + VfR = CfR
 
Hallo Bloggs. Es hat sich kurz angefühlt wie bei meinen Trips auf der Insel. Ich mache Bilder von einem Ground, welcher im Umbruch ist. Ein wenig ist noch vom alten, derben Charme übrig geblieben, das meiste aber schon der Moderne gewichen. Darüberhinaus kamen noch Erinnerungen an frühere Besuche in mir hoch. Dabei waren keine ungefähr 700 Kilometer Luftlinie zwischen meinem Wohnort und dem Stadion dazwischen, sondern lediglich 20, etwa.
Nun, das Stadion ist keineswegs so richtig bekannt, höchstens in Baden-Württemberg ein Begriff. Obwohl es schon in früheren, natürlich war da alles besseren Zeiten in Süddeutschland durchaus ein bekannter Name war. Das Stadion im Brötzinger Tal in Pforzheim. Damals gehörte diese Anlage noch dem FC Pforzheim und erlebte speziell vor der Jahrtausendwende sturmvolle Zeiten und zog die Zuschauer an, rund 3.000 Besucher waren keine Seltenheit beim deutschen Vizemeister von 1906. Der Abstieg begann so vor zwanzig Jahren. Man war noch in der damals viertklassigen Oberliga Baden-Württemberg angesiedelt und verpasste den Aufstieg in die neugegründete Regionalliga Süd nur knapp,  die TSG Hoffenheim mit ihrer Finanzkraft hatte die Nase vorn.
Mehrere Jahre brauchte es dann, um das Finanzdebakel im Brötzinger Tal zu einem Ende zu bringen, die Insolvenz wurde eingeleitet. Auch sportlich ging es runter, aber nach nur zwei Jahren in der Verbandsliga Baden kehrte der "Club", so die Bezeichnung des Vereins der Pforzheimer wieder zurück. Aber mit der Rückkehr kamen die alten Probleme wieder hoch. Der Verein hatte mit einem Vertrauensverlust in der Stadt und bei potenziellen Gönnern zu kämpfen und da kam wieder mal eine Idee zum Vorschein, welche bislang ein Ding der Unmöglichkeit schien. Eine Fusion mit dem VfR Pforzheim.
 
 
Für eine Stadt mit rund 125.000 Einwohnern sind zwei Fussballvereine in dieser Größenordnung schon außergewöhnlich. Jahrzehntelang war die Trennung klar, der klassenhöhere "Club" war das sportliche "Aushängeschild" der Stadt, der Verbandsligist VfR dagegen ein Vorbild in Sachen Jugendarbeit und leider konnte sich dieser fast nie aus dem Schatten des "Brötzinger Tals" befreien. Es gelang nur in einer Saison, als man in der Oberliga spielte und gleicher wieder abstieg. Aber es gab auch Gemeinsamkeiten, wenn auch meist nur überwiegend negativer Natur. Auch bei den "Rasslern" hat es Skandale gegeben, beide verfügten über ein Stadion, welches im Prinzip mit eigenen Mitteln weder zu betreiben noch zu renovieren war. Und so brachte die Zeit und der Druck die beiden Rivalen zusammen. Beim zweiten Anlauf klappte es dann, man munkelte auch, die Stadt Pforzheim war dem Geplänkel überdrüssig und stellte ein Ultimatum, im Jahre 2010 erfolgte die Fusion. Damit war aber noch längst nicht alles gut. Die Stadionfrage und somit der Standort war lange unklar, letztlich kam die endgültige Entscheidung, im Brötzinger Tal ist die Heimstätte des neuen CfR Pforzheim. Mit diesem Namen verschmolz man die Abkürzungen FC Pforzheim und VfR Pforzheim zum Club für Rasenspiele Pforzheim, ein cleverer Kompromiss.
Was hier in nur wenigen Minuten zu lesen ist, war in der rauen Wirklichkeit ein Prozess über Jahrzehnte. Es ist eine Geschichte und ein Paradebeispiel für die Entwicklung im Fussball seit seinen vereinsmäßigen Anfängen bis heute. Eine Story über Tradition, Kommerz, Fanleidenschaft, Finanzskandale, ehemalige Größen und ausgehauchte Träume. Und genau deshalb lieben wir alle diesen Zirkus, der sich Fussball nennt.
 
 
Also diese Stadionmauer hat die "Berliner Mauer" schon mal überlebt. Alles noch wie vor gefühlten ewigen Zeiten, nur das neue Schild "stört". Die Jahreszahl 1896 irritiert etwas, ist es doch das Gründungsjahr des 1. FC Pforzheim. Sieht halt besser aus wie 2010.
 
 
Auch der der Haupteingang hat den Umbruch überstanden. Renoviert und neu gestrichen, trotzdem eine nette Erinnerung an alte Zeiten.
 
 
Die "Rückfront" zeigt den Neustart ganz offensichtlich. Die Arbeiten sind grob abgeschlossen., jetzt geht es an die Außenanlagen. Links die neue Vereinsgaststätte mit VIP-Bereich, in der Mitte die ebenfalls komplett neue Haupttribüne und weiter rechts das Funktionsgebäude mit Umkleidekabinen, Geschäftstelle usw. Eine komplette, durchgebaute Front war wohl finanziell nicht zu stemmen, hätte aber mehr Flair gehabt.
 
 
Eine Innenaufnahme. Für eine Oberliga ist das Stadion doch sehr gut ausgebaut. Es ist nach dem Gazistadion der Stuttgarter Kickers ( natürlich ) der beste Ground dieser Liga. Ohne Zweifel. Das Kreuzeiche-Stadion des SSV Reutlingen ist zwar größer, hat aber bei weitem nicht den typischen Fussballcharakter.
 
 
Die "Heimkurve" wurde ebenfalls modernisiert. Man hat eine kleine Anhängerschar, die aber in früheren Zeiten schon mal die Polizei beschäftigen konnte. Heute sind nur noch Spiele gegen die Stuttgarter Kickers und Reutlingen stimmungstechnisch "interessant". Leider. Pforzheim liegt streng genommen in Baden, ist aber gefühlsmäßig "Grenzgebiet". Hier gibt es auch eine richtig starke Fanbase des VfB Stuttgart.
 
 
Was hat diese alte Anzeigetafel schon alles verkündet! Pokalspiele gegen Bremen, oder Spielernamen wie Jürgen Klopp, er  spielte beim FCP, ebenso wie Emanuel Günther ( vorher KSC & Fortuna Düsseldorf ) , Klaus Mirwald  ( danach VfB Stuttgart ) und der spätere Trainer Markus Gisdol.
 
 
An dieses Spiel erinnere ich mich noch besonders. Ein Ditzinger Jungspund namens Fredi Bobic wirbelte die Abwehr des FC Pforzheim durcheinander und erzielte drei Tore. Für ihn war es  eine weitere Zwischenstation auf dem Weg zum VfB Stuttgart.
 
 
 
Blick über den Zaun in den Gästebereich, von der Enzseite her geshen. Kann sich doch sehen lassen.
 
 
Da blutet einem das Herz. Längst hat die Natur das alte Holzhofstadion des nunmehr ehemaligen VfR Pforzheim übernommen. Links das alte Vereinsrestaurant, darunter gab es mehrere Umkleidekabinen mit eine Art "Spielertunnel" direkt auf den Platz. Bessere Umkleideräume waren  aber unter der Haupttribüne. Alle Aufnahmen vom 5.1.2022.
 
 
In der Jugendarbeit war der VfR vorbildlich und die klare Nummer eins in der Region. Höhepunkt war immer das sogenannte Pfingstturnier der A-Junioren vor annähernd tausend Zuschauern pro Tag. Proficlubs aus ganz Europa entsandten ihre Nachwuchsteams nach Pforzheim, alles gehört nun der Vergangenheit an. Über die weitere Nutzung des Geländes gibt es noch keine Klarheit. Auf jeden Fall wird hier kein Fussball mehr gespielt werden.
 
 
Zehntausend Zuschauer gingen da mal rein. Erst kurz vor der Schließung wurde noch der Gästebereich hinter dem Tor und die Kassenhäuschen renoviert, siehe weiße Kassenbereiche im Hintergrund. Der endgültige Umzug ins Brötzinger Tal beendete dann eine fast hundertjährige Tradition.
 
 
Zur besseren Verdeutlichung nun ein Panoramabild.  © CfR Pforzheim
 
 
Diese Jahreskarte bekam ich für nur vierzig DM von einem Verwandten, im Prinzip geschenkt. War aber nur ein paar Spiele dort, je nach Zeit.
 
Keep the faith.
RaMü