Dr Vaueffbeh, mei Vaddr ond Ih.

Hallo Bluebloggs,

es gibt Momente im Leben, die kann man nicht planen. Dann greift ein "höheres Schiedsgericht" ein und zwingt zum Spielschluß. Ob es nach dem endgültigen Abpfiff noch eine unendliche "Verlängerung" gibt, liegt am Glauben des jeweiligen Menschen, also ich bekenne mich dazu und deshalb geht das "Match" für mich danach auch weiter.

Ich war also für meine Ostpokaltotaltour unterwegs und in Merseburg bei Leipzig erreichte mich die Nachricht vom Tod meines Vaters. Es hatte sich irgendwie schon seit Monaten abgezeichnet, so war die Nachricht zwar nicht unbedingt überraschend, aber so etwas läßt sich wie gesagt, nicht planen.

Ich habe mich also sofort ins Auto gesetzt und bin ohne Umwege nach Hause gefahren und den Fußball mal den anderen Leuten überlassen. Im Auto fiel mir dann so manche Episode ein, natürlich geht es um Fußball, das sagt ja auch der Titel dieser Homepage.

Mein Vater war Schwabe und somit VfB-Fan. Er ging schon nach Stuttgart zu den Roten, als das Stadion noch nach dem damaligen, alleinigen Machthaber benannt wurde. Nach dem 2. Weltkrieg fuhr er öfters hin, erlebte die "goldenen Fünfziger" des VfB mit zwei Meisterschaften und Pokalsiegen. Spieler wie Geiger, Retter, Schlienz und Bögelein waren ihm mehr als ein Begriff, sie waren Vorbilder. Später waren Hausbau und Familiengründung wichtiger.

Immerhin brachte mich mein "Vaddr" zum VfB. Ich war wohl ungefähr acht Jahre alt und durfte mit. Zum ersten Mal. Man spielte gegen Bayern und alles war in heller Aufregung, KleinRaMü am meisten. Ich kann mich allerdings nur noch an eine einzige Szene erinnern, er setzte mich auf die Schultern, als der Andrang vor den Kassenhäuschen zu groß war. Er fürchtete um meine Gesundheit und heute denke ich manchmal noch daran, wenn ich durch die Einlaßschalter seitlich der Cannstatter Kurve gehe. Ich glaube, das Spiel endete Unentschieden.

Ein Mal waren wir sogar gemeinsam auswärts. Der VfB spielte in der zweiten Liga und brauchte am letzten Spieltag noch einen Punkt in Trier zum sicheren Aufstieg. Ich war natürlich schon älter und eigentlich war mir die Sache nicht so recht, wer will schon mit dem "Alten" fort. Aber wir haben die Sache wie unter Männern geregelt. Wir haben einen Treffpunkt ausgemacht und mußten "fit" sein. Beide haben sich daran gehalten, der VfB holte mühsam ein 0:0 und kehrte so in die Bundesluga zurück, mit dem berühmten Hunderttoresturm, der allerdings an diesem Spieltag Pause hatte. Es war die Saison 1976/77.

Später habe ich nur noch scheibchenweise erzählt, es waren die "wilden Achtziger" in Deutschland. Die Szene eskalierte und in den Städten wurden die Sokos "Fußball" gegründet. Wenn ich von "kriegsähnlichen Zuständen" erzählte, hat der ehemalige Weltkriegsteilnehmer nur müde gegrinst.

Sein letzter Besuch im Stadion war 1993 gegen den VfB Leipzig, später waren wir noch mal bei den Amateuren, VfB II gegen Eschborn im Jahre 2005, anschließend ließ die fortschreitende Krankheit nichts mehr zu. Dafür wurde er regelmäßig mit dem Stadionheft versorgt, der Informationsfluß hielt bis zum Schluß.

Was ist geblieben? Erinnerungen, klar. Gesammelte Zeitungsausschnitte vom VfB in einem Ordner, drei Söhne mit insgesamt fünf Enkelkinder. Zwei  haben eine Dauerkarte und sind seit Jahrzehnten dabei. Ich war zwar der erste Müller mit Dauerkarte, bin aber zwischenzeitlich "weltoffener" geworden, bekenne mich aber weiterhin zu meinen roten Wurzeln. Von den fünf Enkelkindern sind nunmehr widerum drei Dauerkartenbesitzer, man sieht, die rote Saat des Alfred Müller ist aufgegangen.

Vaddr, R.i.P. Rest in Peace, Ruhe in Frieden,

Dein Rainer.